Der perfekt unperfekte

Nachmittag....

 

 

Juhu, es hat geschneit! Was für eine Aufregung… Schon am Morgen, noch im Dunkeln vor der Schule und dem Kindergarten, stehen die beiden gestriegelt und gebügelt vor mir, als ich schlaftrunken die Treppe nach unten komme. „Mama, wir haben schon gefrühstückt und Zähne geputzt. Wir wollen jetzt in den Schnee.“ Gesagt, getan… Nur schweren Herzens können sie sich kurze Zeit später von ihren Werken trennen und in den Tag starten. Aber nicht ohne das Versprechen, dass wir am Nachmittag auf jeden Fall Schlittenfahren gehen müssen.

Für mich galt es an diesem Vormittag eine randvolle To-Do-Liste abzuarbeiten. Kurz bevor alle wieder nach Hause kamen, fiel mir gerade noch ein, die feuchten Handschuhe vom Morgen auf die Heizung zu legen damit sie trocknen können.

Der Nachmittag kam und es sollte los gehen. Mist! Handschuhe in der Schule vergessen… „Hast du kein Ersatzpaar?“, fragt die Mutter einer Freundin. „Ähm… nein… irgendwie nicht.“ Zack, zum ersten Mal ein schlechtes Gewissen gespürt. Eilig krame ich meine Handschuhe hervor und reiche sie meiner Tochter. Viel zu groß, aber besser als nichts. Aber jetzt – los. Rein in die Schuhe und…. „Ihhhh Mama, die sind ja noch ganz nass vom Kindergarten.“ Verdammt….! Die von letztem Jahr sind zu klein… und nun? „Naja, egal… das geht schon.“, sagt meine Mittlere zögerlich, die wie immer nach dem Motto lebt „Was nicht passt, wird passend gemacht“. Zack, da meldet sich beim Anblick der klammen Schuhe zum zweiten Mal das schlechte Gewissen „Warum hast du die Schuhe nicht geprüft als sie nach Hause kam? Warum hast du nicht doch noch ein Paar zum Wechseln gekauft?“ Weg mit dir du blödes Gewissen, wir wollen jetzt Spaß haben! Auf dem Weg zum Schlittenberg stelle ich fest, dass die Kufen unseres Schlittens ziemlich rostig sind. Aber, daran habe ich gedacht. In meiner Jackentasche befindet sich eine Kerze. Sozusagen zum Notfallwachsen der Kufen vor Ort.

Kaum angekommen stürmen alle auf den Berg. Im Schneckentempo rutschen meine Mädels den Berg herunter, während ihre Freunde mit einem Affenzahn an ihnen vorbeisausen. „Mamaaaaa, der geht ja gar nicht richtig!“, ruft die Mittlere. „Ja, genau. Der ist ja voll lahm.“, schiebt die große Schwester hinterher… Zack, das schlechte Gewissen meldet sich zum dritten Mal. Ich schupse es jedoch mit einem Rumms zur Seite, denn…. Tada: Die Kerze in meiner Jackentasche! „Haben wir gleich.“, rufe ich zurück, als die beiden angetrottet kommen. Ich fahre mit der Kerze über die Kufen und muss feststellen, dass das irgendwie… ähm… komische Kerzen sind. Jedenfalls zerbröseln sie mir in den Händen und auf den Kufen bleibt – genau, nichts! Zack, Klappe die Vierte. Ein bisschen besser geht es dann aber doch und die beiden haben Spaß.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, wir sind alle nass und durchgefroren, machen wir uns auf den Nachhauseweg. „Und jetzt wieder Plätzchen und Kakao daheim, Mama, ok?“ Scheiße! Hello again schlechtes Gewissen. Wenn etwas bei uns zum Standardprogramm nach dem Schlittenfahren zählt, dann ist es Plätzchen essen und einen heißen Kakao trinken. Wie zum Teufel konnte ich das nur vergessen?! Plätzchen hatte ich zum Glück noch welche da. Kakaopulver – könnte knapp werden. Milch – keine Chance. Für den Supermarkt war es zu spät. Vielleicht mit Wasser statt mit Milch? Nein, auf keinen Fall. Zerknirscht beichte ich ihnen, dass wir keine Milch mehr zu Hause haben. Lange Gesichter schauen mich enttäuscht an.

Eigentlich habe ich mich auf den Nachmittag gefreut. Ich wollte, dass er ganz speziell wird. Einer, an den sie sich noch lange erinnern. Vielleicht war es sogar der einzige Nachmittag an dem wir Schlittenfahren gehen konnten. Zuhause hänge ich meinen Gedanken nach und schimpfe mit mir selbst: Warum warst du so schlecht vorbereitet? Da hättest du aber auch früher dran denken können. Dir hätte doch klar sein müssen, dass… Damit hast du ihnen aber schon ein bisschen den Nachmittag verdorben… usw. Sarkastisch sage ich zu mir selbst, dass ich es in 10 Jahren dann wohl auch endlich drauf haben werde (so wie alle anderen Mama´s außer mir! *ironieoff*) an alles zu denken. Nur an eines nicht: Dass meine Kinder dann Teenager sind und auf den Quatsch keinen Bock mehr haben 😉

Ein Blick auf die Uhr reißt mich aus meinen Gedanken. Schlafenszeit. Ich gehe ins Bad, wo meine Mädels schon am Waschbecken stehen und Zähneputzen. Ihre Münder mit Zahnpasta verschmiert. Sie kichern. Die Backen sind noch ganz rot, die Augen leuchten. „Das war heute echt ein perfekter Tag!“, sagt die Große. Die Kleine nickt „Voll!“

So oft hatte ich ein schlechtes Gewissen, so oft war ich sauer auf mich selbst, habe mich schlecht gefühlt. Absolut nicht notwendig. Wieder einmal merke ich, dass ich nicht perfekt sein muss, damit es für meine Kinder perfekt ist!

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